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Medienarchive in der digitalen Ära

Tag:Donnerstag, 07.12.2017
Uhrzeit:11.00-13.00 Uhr
Ort:Kleine Aula


Technologische und medienepistemologische Herausforderungen musikalischer Kompositionen, elektronischer Klangobjekte und Aufführungen an ihre Überlieferung als Archiv.
Referent: Prof. Dr. Wolfgang Ernst, Professor an der HU Berlin.
Anschließend Diskussion mit Prof. Dr. Rainer Bayreuther, Dr. Joachim Goßmann, Prof. Dr. Oliver Ruf und Dr. Tim Otto Roth

Mit einer Musikhochschule ins digitale Zeitalter zu gehen wirft notwendigerweise und mit großer Grundsätzlichkeit die Frage nach der Archivierung der Artefakte auf, die aus ihr hervorgehen. Bislang schöpfte eine Musikhochschule aus weitgehend gedruckten Ressourcen: Noten; musikwissenschaftliche und musikpädagogische Begleittexte. Ihr Output waren einmalige Live-Konzerte sowie Dokumente der hochschulischen Arbeit, die im ROM-Modus benutzt wurden: CD-Einspielungen, musikwissenschaftliche und -pädagogische Texte. Der klassische Ort für die Aufbewahrung und kontrollierte Benutzung dieser Artefakte war die Bibliothek.

In der digitalen Ära vollziehen sich umwälzende Veränderungen. Musikalische Live-Situationen sind zunehmend durchsetzt von digitalen Vorgängen, vom Zuspielfile bis hin zur noch zukünftigen, aber absehbaren Autokorrektur von Fehlern in Echtzeit. Die „Werke“ werden multimedial, Video und Audio verschränken sich. Einmalige situationsbedingte Performances finden an stehenden Klangskulpturen statt. Klangwerke werden von selbstregulativ und rekursiv arbeitender Software generiert. Sie haben in ihrer ästhetischen Substanz einen diffusen Anfang und ein open end. Werk und Labor verschmelzen zu ästhetisch-epistemischen Anordnungen. Um ein Werk „wiederholen“ zu können, stehen kaum mehr Noten zur Verfügung – was aber muss stattdessen archiviert werden, um „Wiederholungen“ zu ermöglichen? All das greift schließlich in den künstlerischen Unterricht ein: Ein Geigenvirtuose wird sein Wissen kaum noch in einer gedruckten Violinschule niederlegen. Er fertigt audiovisuelle best-practice-Files an, die zunehmend interaktiv sind, d.h. zugleich Spielanweisung und Fehlerkorrektur im virtuellen Unterricht sind.

Anlass des Podiums ist die Eröffnung einer neuen Abteilung an der MH Trossingen, dem Landeszentrum Musik-Design-Performance. Ihre Aufgabe ist keine separierte; vielmehr soll sie der Ort sein, an denen sich die gesamte Hochschule sich mit den Veränderungen des musikalischen Handelns in der digitalen Ära auseinandersetzt. Wesentlicher Bestandteil des Landeszentrums ist der Aufbau einer Mediathek (Projektleitung: Dr. Joachim Goßmann). Die Problemstellung der Mediathek ist es, für die beschriebene hybride Medialität von klanglichen Artefakten in der digitalen Ära angemessene Strukturen zu entwickeln.

Es diskutieren:

Prof. Dr. Wolfgang Ernst (HU Berlin, hält zu Beginn des Podiums eine keynote)
Prof. Dr. Oliver Ruf (HFU Furtwangen)
Dr. Tim Otto Roth (Oppenau, Multimediaküntler und Kunstwissenschaftler)
Björn Gottstein (Musikjournalist am SWR; künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage)
Dr. Joachim Goßmann (MH Trossingen, Projektleiter Mediathek)
Prof. Dr. Rainer Bayreuther (MH Trossingen, Moderation)